Liebe Forscher:innen,

mir scheint, dass unsere demokratischen Gesellschaften von den sozialen Medien durchgeschüttelt werden. Nun müssen sie sich mit den informationstechnischen Möglichkeiten von heute damit auseinandersetzen, welche Formen von "Öffentlichkeit" es gibt, geben kann und welche darüber hinaus der Demokratie förderlich sind.

Das geschieht allerdings sehr verzögert. Ich kann mich nicht erinnern, je einen journalistischen Artikel gelesen zu haben, der die strukturelle Verfasstheit unserer Öffentlichkeiten thematisiert hätte. Vielleicht lese ich auch zu wenig Zeitung. Lange war da ein sehr oberflächliches "Wir brauchen mehr Debattenkultur." Heute wird digitale Souvernität gefordert und die algorithmische Steuerung des Feeds kritisiert, was der Sache schon näher kommt.

Wenn Menschen innerhalb sozialen Designs handeln, die halb gestaltet und halb historisch gewachsen sind, welchen Platz hätte dann beispielsweise ein InstagramFeed in einer wünschenswerten Öffentlichkeit von morgen? Gibt es Beispiele für gute Algorithmen? Und müsste nicht eine Vielzahl sozialer Medien mit unterschiedlichen Designs für unterschiedliche Zwecke existieren, in die sich die Menschen nach Bedarf (und nicht nach Abhängigkeit) einschalten können? Was gibt es für Beispiele (nicht nur digitale) dafür, wie Öffentlichkeit(en) eingerichtet wurden? savoirpublic.ch ist ja ein sehr interessanter Versuch!

Und: Wie sieht ein pragmatischer, anwendungsorientierter Öffentlichkeitsbegriff aus? Muss Öffentlichkeit objektbezogen gedacht werden? - Ich kann mich ja nur zu etwas verhalten. Braucht es also das "Objekt" der Öffentlichkeit? Hier wären das Objekt meine Frage(n) und die sie betreffende gesellschaftliche Entwicklung. Und wie sieht es aus mit "Subjekten" der Öffentlichkeit mit unterschiedlichem Rollenverständnis (mit einem Horizont für das eigene Denken und Handeln).

So ein ein pragmatischer, anwendungsorientierter Öffentlichkeitsbegriff könnte mir beispielsweise helfen, eine nicht vorhandene studentische Öffentlichkeit an einer Universität einzurichten.

Soweit der Fragehorizont, jetzt nochmals ganz konkret:

1. Gibt es interessante Beispiele, anhand derer besser verstanden werden kann, wie Öffentlichkeit eingerichtet werden kann (digital, hybrid, analog) ?

2. Was ist ein pragmatischer anwendungsorientierter Öffentlichkeitsbegriff?

Vielen Dank und liebe Grüsse, Léonard

Liebe:r Léonard,

danke für diese Frage, die in Deiner Formulierung bereits einige Komplexitäten des Themas beleuchtet.

Ich versuche zuerst kurz, Deinen Fragehorizont zu spiegeln, um damit anzuzeigen, was für mich darin besonders hervorsprang, wie ich ihn verstehe, und aus welcher Richtung ich darauf antworten möchte. Dann skizziere ich zwei Antwortangebote für Deine konkreten Fragen: (1) Beispiele, die illustrieren, wie Öffentlichkeiten eingerichtet werden, und (2) einen pragmatischen, anwendungsorientierten Öffentlichkeitsbegriff, der sich sowohl für Hochschulkontexte als auch darüber hinaus nutzen lässt.

Öffentlichkeit als sozial gestaltete Umgebung

Was mich an Deiner Frage besonders anspricht, ist, dass Du „Öffentlichkeit“ nicht als abstrakten Raum denkst, sondern als sozial gestaltete Umgebung, in der Menschen handeln – einerseits geplant und intentional, andererseits historisch gewachsen und von kulturellen Gewohnheiten geprägt. Du fragst nicht nur: Was ist Öffentlichkeit?, sondern: Wie wird sie eingerichtet? Welche Designs fördern oder behindern demokratische Praxis? Welche Rolle spielen algorithmische Infrastrukturen? Braucht es unterschiedliche Öffentlichkeiten für unterschiedliche Zwecke? Und schließlich: Wie lässt sich ein Begriff von Öffentlichkeit entwickeln, der praktisch hilft – etwa beim Aufbau einer studentischen Öffentlichkeit?

Damit verschiebst Du den Fokus von normativen Appellen (Stichwort „mehr Debattenkultur“) hin zu (Infra)Strukturen und Rollen. Das ist aus meiner Sicht entscheidend.

Koordinierte Aufmerksamkeit…

Aus meiner anthropologisch-philosophischen Perspektive – insbesondere aus meiner Arbeit zu gespaltenen Gesellschaften und ihren Aufmerksamkeitsmustern – würde ich ergänzend hervorheben: Einerseits sind Öffentlichkeiten historisch, politisch und kulturell spezifisch verfasst. Sie entstehen in bestimmten institutionellen Ordnungen, medialen Infrastrukturen und Machtkonstellationen. Andererseits beruhen sie aber auch auf einer anthropologischen Konstante. Menschen müssen ihre Aufmerksamkeit koordinieren. Wir sind Wesen, die nicht nur nebeneinander “in der gleichen Welt” existieren, sondern sich auf gewisse Aspekte beziehen – auf ein Thema, ein Problem, ein Ereignis – welche unsere Lebenswelten erst formieren. Wir versammeln uns um etwas, machen es zum Gegenstand gemeinsamer Wahrnehmung, und wir schließen dabei anderes aus.

…als anthropologische Konstante

In diesem Sinn ist Öffentlichkeit eine spezifische Ausformung einer allgemeinen conditio humana: der Notwendigkeit, Aufmerksamkeit zu bündeln, zu verteilen und so wechselseitig adressierbar zu werden. Diese Grundstruktur macht das Thema Öffentlichkeit universell verstehbar – auch wenn seine konkreten Formen, Konfliktlinien und Sichtbarkeitsregime je nach gesellschaftlichem Kontext stark variieren.

Unterschiedliche Fokusse der Aufmerksamkeit: Südafrika, USA, Schweiz

In meiner Forschung arbeite ich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten – unter anderem in der Schweiz, in Südafrika und in den USA – und sehe dort, wie verschieden diese historischen und institutionellen Einschreibungen ausfallen: In Südafrika sind Fragen von race und öffentlichem Raum bis heute materiell omnipräsent eingeschrieben (Stichwort: Apartheid); in den USA strukturieren race, class und gender viele Öffentlichkeiten; in der Schweiz wirken zudem andere, subtilere Achsen – etwa Mehrsprachigkeit, Föderalismus oder institutionelle Nähe zwischen Politik und Bürgerschaft.

Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit

Öffentlichkeiten tragen ihre historischen Bruchlinien in sich – sie sind nie neutral, sondern sedimentierte Aufmerksamkeitspolitiken. Sie sind nicht nur Orte der Meinungsbildung, sondern auch Orte der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. (Wer wird laut und gehört? Wer bleibt leise? Wer erscheint als legitimes Subjekt der Rede? Und wer ist strukturell an den Rand gedrängt – durch Design, durch Geschichte, durch implizite Normen?)

Digitale Aufmerksamkeitsoekonomie

In digitalen Öffentlichkeiten verschärft sich diese Frage: Algorithmische Feeds entscheiden darüber, was sichtbar wird und was verschwindet. Doch auch analoge Öffentlichkeiten – etwa Universitäten, Stadtversammlungen oder Medien – funktionieren über implizite Aufmerksamkeitsökonomien.

Deine Frage nach einem „Objekt“ der Öffentlichkeit ist in diesem Zusammenhang sehr fruchtbar. Öffentlichkeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie bildet sich um etwas herum – ein Thema, ein Problem, eine Entscheidung, eine Sorge. Dieses „Etwas“ strukturiert Aufmerksamkeit und Rollen. Gleichzeitig werden auch die „Subjekte“ der Öffentlichkeit erst in diesem Prozess geformt: als Fragende, Betroffene, Expert:innen, Moderierende, Entscheidende.

Aus dieser Perspektive ist Öffentlichkeit weniger ein fertiger Raum als ein prozessuales Gefüge von Bezugnahmen – historisch situiert, machtvoll strukturiert und zugleich gestaltbar.

Von hier aus würde ich nun zu Deinen beiden konkreten Fragen übergehen.

1) Beispiele: Wie Öffentlichkeit „eingerichtet“ wird (analog, hybrid, digital)

a) Öffentlichkeit als Infrastruktur (nicht nur als „Meinungsaustausch“)

Öffentlichkeit hängt an Zugängen, Sichtbarkeiten, Sortierungen. Die EU versucht das mit dem Digital Services Act (DSA) strukturell zu adressieren – unter anderem über Pflichten zu Transparenz, Risikominderung (z. B. für zivilen Diskurs / Wahlen) und Recommender-Systemen. Auch in der Schweiz geht es in diese Richtung: Der Bundesrat hat am 29.10.2025 einen Entwurf für ein Gesetz zur Regulierung sehr grosser Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen in die Vernehmlassung geschickt (u. a. Fairness- und Transparenzpflichten).

Das sind Beispiele dafür, wie „Öffentlichkeit“institutionell-technisch verhandelt wird.

Pragmatischer Take-away: Öffentlichkeit braucht gestaltete Regeln für (i) Zugang, (ii) Aufmerksamkeit (Ranking/Agenda), (iii) Rechenschaft (wer entscheidet über Sichtbarkeit, warum, mit welchen Rechtsmitteln?)

b) Deliberative Formate: Bürger:innenräte / Citizens’ Assemblies (analog & hybrid)

Diese Formate sind interessant, weil sie Öffentlichkeit absichtlich designen: Auswahl (z.B. Losverfahren), Moderation, Dokumentation, Rückkopplung in Politik/Institutionen. Ihre Stärke: Sie entkoppeln öffentliche Urteilsbildung teilweise von „Lautstärke“ und belohnen Begründung statt Reichweite.

Take-away: “Gute” Öffentlichkeiten sind oft mehrstufig: zuhören/lernen → diskutieren → öffentlich begründen → verbindlich rückkoppeln.

c) Digitale Gegenentwürfe: chronologische Feeds, transparente Wahlfreiheit, Pausen

Deine Idee – „eine Vielzahl sozialer Medien mit unterschiedlichen Designs für unterschiedliche Zwecke“ – trifft einen Kern: Eine demokratieverträgliche Öffentlichkeit braucht Optionen statt Abhängigkeiten.

Was als „gute Algorithmen“ zählt, ist weniger ein perfektes Ranking, sondern kontrollierbare Sichtbarkeit:

    • Choice by design: Nutzer:innen können zwischen Feeds wählen (chronologisch, thematisch, lokal, kuratiert).
    • Transparenz + Auditierbarkeit: nachvollziehbar, warum etwas im Feed ist; Datenzugang für Forschung/Aufsicht. (Genau hier setzt der DSA an.)
    • Friction statt Sog: Begrenzung von Autoplay/Infinite Scroll, klare Pausen, „Are you sure?“-Momente – nicht als Moralkeule, sondern als Aufmerksamkeits-Architektur.

Konkrete digitale Beispiele dafür wären Mastodon – ein föderiertes Modell ohne zentrale Ranking-Logik, mit chronologischen Feeds und Community-Regeln statt globalem Algorithmus. Ausserdem kommt mir dazu Wikipedia in den Sinn– kein Feed, sondern themenorientierte Objekt-Öffentlichkeit. Sichtbarkeit entsteht hier durch Relevanzkriterien, welche ständig auf Diskussionsseiten reevaluiert werden.

Take-away: Demokratische Digital-Öffentlichkeit soll weniger „ Feed“, mehr ein Werkzeugkasten werden (verschiedene Modi für verschiedene Zwecke).

2) Ein pragmatischer, anwendungsorientierter Öffentlichkeitsbegriff

Ich schlage einen Begriff vor, der philosophisch anschlussfähig ist und anthropologisch ernst nimmt, dass Öffentlichkeiten gemacht und ungleich bewohnt werden:

Öffentlichkeit als Arrangement geteilter Bezugnahme. Ich nehme das kurz auseinander:

Öffentlichkeit ist ein arrangiertes Verhältnis, in dem Menschen

    1. um ein Etwas (Thema/Problem/„Objekt“) herum
    2. wechselseitig adressierbar werden
    3. unter Regeln/Medien/Infrastrukturen, die
    4. Sichtbarkeit und Stimme ungleich verteilen.

Das „Objekt“ ist dabei nicht nur ein Diskussionsgegenstand, sondern das, was in eine Form gebracht wird, die gemeinsame Aufmerksamkeit stabilisieren kann: die spezifische Rahmung einer Frage, eines Konflikts oder Ereignisses.

Rollen statt abstrakter „Subjekte“

Pragmatisch hilfreich ist, nicht von „der Öffentlichkeit“ zu sprechen, sondern von Rollen, die sich (idealerweise) rotieren lassen:

    • Fragende / Betroffene
    • Übersetzende (die zwischen Erfahrungswissen und Fachwissen vermitteln)
    • Moderierende (die Redezeiten, Ton, Fokus sichern)
    • Prüfende (Fakten, Quellen, Interessenbindungen)
    • Entscheidende (die Verantwortung tragen, etwas zu tun oder zu lassen)

So wird Öffentlichkeit handlungsfähig, ohne zu unterstellen, dass alle immer gleich kompetent, gleich sicher, gleich laut sein können, wollen, oder sollen.

Mini-Blueprint für „studentische Öffentlichkeit“ an einer Universität

Wenn Du „eine nicht vorhandene studentische Öffentlichkeit“ einrichten willst, würde ich mit drei Designprinzipien beginnen:

    1. Objekte klar, aber plural: Nicht „die grosse Debatte“, sondern mehrere Issue-Publics (z. B. Wohnraum, Curriculum, Diskriminierung, Prüfungsformen) mit je eigener Taktung und Diskursteilnahmemöglichkeiten.
    2. Hybrid + niedrigschwellig: ein physischer Ort (regelmässig, sichtbar) + ein digitaler Raum (archivierbar, auffindbar) + klare Übergänge zwischen beiden.
    3. Sichtbarkeitsgerechtigkeit: Moderation, Redezeitregeln, anonyme Kanäle für heikle Themen, rotierende Rollen, und ein Mechanismus, der Vorschläge in Verbindliches übersetzt (Protokolle, Rückmeldeschleifen, Verantwortlichkeiten).

Nochmals danke für Deine Frage! Ich hoffe, mein Antwortangebot bringt Dich weiter.

Herzliche Grüsse

Anna